Abteigarten

Standort: Stadtseitiger Eingang zum Abteigarten (Abteigasse)    > Google Maps

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Tafel am Aufsteller:


Station2

 

Der Abteigarten – ältester Zuchtgarten Deutschlands

Unterhalb des Quedlinburger Schlossberges liegt der Abteigarten, Deutschlands ältester, noch bis 2018 genutzter Zuchtgarten. Um 1750 bis 1753 erwarb Johann Peter Christian Heinrich Mette dort seine ersten Gärtnerkenntnisse in der Lehre des damalig bestellten Hof- und Lustgärtners Johann Heinrich Ziemann. Der Abteigarten diente zunächst den Äbtissinnen zur Erholung und versorgte das Stift gleichzeitig mit Gemüse.

Erste Ansätze einer pflanzenzüchterischen Nutzung erfolgten unter Andreas Christian Ziemann, Abteigärtner des freien Reichsstiftes in Quedlinburg. Sein Sohn startete im Betrieb seines Vaters (im Norden „Vor dem Oeringer Tore“, heute Adelheidstraße) mit dem Anbau und Handel von Samen anstatt von Stecklingen.

Abteigarten1Nach der Auflösung des Freiweltlichen Stiftes im Jahre 1803 erwarb der Quedlinburger Gärtner Gottlieb Samuel Rögner den Probsteigarten und den Abteigarten. 1827 verlegte Samuel Lorenz Ziemann (1772 bis 1845), Gärtner und Samenzüchter, seine Gärtnerei mit Samenbau vom Berggarten in den Abteigarten vor dem „Brühl“ und erwarb zugleich das Vorwerk, den Resthof am Münzenberg. Der Gärtner Rögner kaufte dafür ein anderes Gartengelände an der späteren Weberstraße.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde dann der Abteigarten schon durch die Gebrüder Dippe für samenbauliche Arbeiten in der Zuckerrüben-, Gemüse- und Blumenzüchtung genutzt. Auf einer alten Karte von Quedlinburg von 1902 ist unter den eingetragenen Standorten der Samenfirmen der Abteigarten bereits im Besitz der Firma Dippe und wird „Dippe‘s Brühlgarten“ genannt.

 Auf den für Quedlinburg typischen „Stellagen“ standen im Abteigarten Tausende Töpfe mit Blumen verschiedenster Sorten für den Samenbau und die Züchtung. Diese mussten täglich gegossen, bei Bedarf gedüngt und gepflegt werden. Unter anderem wurden dort die Petunien für die Elitesamen und Einzelpflanzenselektion produziert. Der Zuchtgarten war in sogenannte „Kloben“ eingeteilt. Der Ritterkloben lag parallel zum Zaun am Holländergraben und maß 1 Morgen und 39 Ruten. Er wurde auch bis 1991 im Institut für Pflanzenzüchtung/Züchtungsforschung so bezeichnet. Der sogenannte Brühlkloben enthielt 65 Frühbeetlagen. Er liegt parallel zum Weg „Am Abteigarten“ von der Rittergasse zum Brühl. In Richtung ehemalige Gartenbauschule (vormals Baentsch’es Klostergut) ist noch knapp die Hälfte der alten Stellagen erhalten. Dort steht auch die bauliche Hülle des alten Pumpenhauses für den Brunnen, der bis 1945 im Abteigarten in der III. Abteilung des Freilands existierte. Pumpenhaus und Brunnen, jetzt Wasserbecken, bilden eine Sichtachse, die allerdings durch die nächste Stellage unterbrochen ist.

Abteigarten2Die Frühbeete dienten zur Selektion von Einzelpflanzen, z. B. bei Radies, Kopfsalat und Blumen. Diese Arbeiten wurden durch geschultes Gärtnerpersonal ausgeführt, welches die einzelnen Arbeitsschritte genau bestimmte. Aber auch Züchter der Firma Dippe waren dort zeitweise tätig. Das 16 Morgen 64 Ruten umfassende Freiland diente der Saatgutproduktion und Selektion von Gemüse-, Blumen- und Rübensorten. Tests zur Resistenz gegen die Blattfleckenkrankheit (Cerospera) erfolgten bis 1945 in den Freilandflächen brühlwärts (Planbuch Dippe 1944 bis 1949). Für 1947 sind noch immer weitere Versuche neben dem Rundteil (Brunnen) dokumentiert.

Nach dem Ende des II. Weltkrieges wurden mehrere Hundert lfd. Meter Stellagen entfernt. Ebenso musste der Brunnen mitsamt dem Becken und der Umfassung geschleift werden. Erst im Jahr 2003 konnte der exakte Brunnenstandort nach Freigabe von Luftbildfotos des angloamerikanischen Bomberkommandos wieder bestimmt werden (für geplante Bombardierungen im II. Weltkrieg fertigte man von Quedlinburg, wie auch von Halberstadt, Nordhausen u. a. Luftaufnahmen an).

Abteigarten3Nach 1945 kam der Abteigarten in den Besitz des neu gegründeten DSG-Betriebs I. Ab 1947 wurde er vom Institut für Pflanzenzüchtung (IfP) der Deutschen Akademie für Landwirtschaftswissenschaften (DAL), später Institut für Züchtungsforschung (IfZ) der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften der DDR (AdL) züchterisch genutzt. 1950 erfolgte die Integration des Zuchtgartens in die landwirtschaftliche und gärtnerische Leistungsschau des Ostharzes. Bis ca. 1974 gab es dort noch Asternfelder für die Neuzüchtung. Aber auch Zuchtarbeiten für Heilpflanzen sowie die Neuzüchtung verschiedener Gemüsearten wie Möhren, Zwiebeln, Kopfsalat und Buschtomaten erfolgten in den Folienhäusern und in etwa 65 Kleingewächshäusern aus Glas sowie im Freiland. Letzter Gartenleiter bis zur Abwicklung des IfZ Quedlinburg war Herr Dieter Meissner.

Abteigarten4Nach der politischen Wende 1989/90 gelangte der Abteigarten in den Besitz des Landes Sachsen-Anhalt. Im Jahr 2000 erwarb ihn die Stadt Quedlinburg. Der Zuchtgarten fiel zeitweilig in einen Zustand der Verwahrlosung mit hohem Unkraut und Wildwuchs. In den Frühbeetlagen wuchsen Sträucher, die dann von ABM-Kräften mühsam gerodet werden mussten. Auch die Stellagen waren reparaturbedürftig. Vier 6 x 30 m große Folienzelte wurden abgebaut. Die restlichen 27 Folienzelte á 4,5 x 15 m und die Kleingewächshäuser wurden später noch einmal modernisiert.

Abteigarten5Es wechselten die Pächter, wie Samen Mauser AG Quedlinburg-Zucht und Produktion, dann die Saatzucht Quedlinburg GmbH. Als letztes Unternehmen nutzte die International Seeds Processing GmbH Quedlinburg (ISP) bis 2018 den schlosswärts gelegenen Teil sowie die verbliebenen Frühbeetlagen neben dem Weg „Am Abteigarten“ für Zuchtzwecke. Ab 2002 pachtet auf dem Freiland brühlwärts eine Bio-Gärtnerei die Flächen rechts und links der Gartenträume-Achse. Gemeinsam mit dem Brühl wurde ein Teil des Abteigartens in das Projekt „Gartenträume Sachsen-Anhalt“ aufgenommen. 2004/2005 untersuchte das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt das Gelände des Abteigartens. Dabei fand man alte Wasserleitungen zum Bassin sowie Reste der Wegbefestigung.

Ab dem Jahr 2005 erfolgte eine Neugestaltung der Anlage. Ziel war es, die in der Zeit des Barocks vorhandene Sichtachse zum Brühl wiederherzustellen und den Abteigarten für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.