Alexander Grußdorf

Standort: Neuer Weg Nr. 24 > > Google Maps

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Tafel an Grundstücksmauer Eingang Neuer Weg:

 

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Alexander Grußdorf – Nachfolger zweier Züchterfamilien

An der Kreuzung des Neuen Wegs mit dem Schiffsbleek steht eine architektonisch auffällige Villa. Im Stil des Berliner Spätklassizismus verfügt sie über einen imposanten Mittelsaal und begeisterte jährlich mit einer prächtiger Blumenbepflanzung im straßenzugewandten Garten, Neuer Weg 24. Die Villa wurde Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet. Die Villa war Sitz der Gärtnerfamilie Grußdorf.

Grussdorf1Ernst Hermann Grußdorf übernahm 1866 die Firma Martin Grashoff und stieg dadurch in die Samenzüchterei ein. Nach dem Tode seines Vaters führte Alexander Grußdorf die Firma Martin Grashoff von 1902 bis 1929 unter ihrem alten Namen fort. Nach deren Konkurs allerdings erfolgte dann die Gründung seiner eigenen Firma A. Grußdorf. Nach dem Tod von Alexander Grußdorf betrieb dessen Bruder Martin das Unternehmen weiter. Geschäftsfelder waren Züchtung, Samenbau und Samenhandel. Ein eigener 4.000 m² großer Zuchtgarten hinter der Villa wurde bis in die 1970-er Jahre genutzt. Daraus hervor ging die bekannte Buschbohnensorte „Algru“. Sie wurde unter anderem von der Terra Saaten AG Aschersleben gehandelt.
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Nach 1945 konnte die Firma als Privatbetrieb weiterproduzieren. So war sie zusammen mit der bekannten Quedlinburger Saatgutfirma P. J. Schmidt die einzige, die bis zur Geschäftsaufgabe in Privatbesitz blieb und nicht enteignet wurde. Jedoch bestimmte nun in Quedlinburg die Deutsche Saatzucht- Gesellschaft (DSG), später VEB Saat- und Pflanzgut – gartenbauliche Kulturpflanzenarten, den Samenmarkt. In kleinen Preisverzeichnissen bot A. Grußdorf noch bis Ende der 1970-er Jahre sein Sortiment an Gemüse- und Blumensorten an. Im Vorwort des Preisverzeichnisses 1968 schrieb er: „Mit freundlicher Zustimmung der DSG Quedlinburg, sowie der Saatzuchtbetriebe F. C. Heinemann KG Erfurt, N. L. Chrestensen KG Erfurt und Hake & Co KG Quedlinburg konnte ich mein Angebot mit den neuesten Gemüsesamen-Hochzuchten erweitern“.

Grussdorf3Auch für ein westdeutsches Unternehmen in Eschwege produzierte Grußdorf Saatgut. Dies konnte aber nur über die Kanäle des VEB Saatund Pflanzgut versandt werden.

Für die Teilnahme an den jährlichen Blumenfesten in Quedlinburg bekam die Firma von 1955 bis 1959 Ehrenurkunden. Am 3.9.1955 erhielt der als „Bauer“(!) titulierte Alexander Grußdorf die Urkunde „Unsere Ernte ist das Brot des Volkes“. Die Firma löste sich eigenbestimmt 1980 auf.

Christa Grußdorf konnte mit dem Saatzuchthistoriker Dr. Martin Stein manche Details zur hiesigen Saatzuchtgeschichte beitragen. Der letzte Besitzer der Villa, Manfred Grußdorf, verkaufte das Grundstück 2018. Durch glückliche Umstände blieben zahlreiche Kataloge der Firma, aber auch anderer bekannter in- und ausländischer Samenbaufirmen, auf dem Dachboden erhalten. Gemeinsam mit einer Urkunde der Chicagoer Weltausstellung von 1893 für die Fa. Martin Grashoff übergab Manfred Grußdorf im Dezember 2018 die wieder entdeckten Schätze dem Historischen Museum der Welterbestadt Quedlinburg als Schenkung.